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Was ist die Norm? Teil 4

Aktualisiert: 9. Okt. 2023

Sara, 24 SARA, DAS AUSDRUCKSTALENT

Sieben Jahre lang habe sie sich wegen der Hausgeburt Vorwürfe gemacht, erzählt Saras Mutter. Zum Glück sei ihr Mann uneingeschränkt zu ihr gestanden und habe sie immer unterstützt. Richtig hinter sich lassen konnte sie die zermürbenden Gefühle erst, als sie bei Saras Kindergarteneintritt die Mütter anderer Kinder mit Behinderungen kennenlernte, die allesamt im Spital geboren hatten: «Da wurde mir klar, dass dir niemand eine Garantie auf ein gesundes Kind geben kann – auch ein Spital nicht.» Von da an konnte sie ihre Schuldgefühle ablegen. Sara war immer ein fröhliches, ausgesprochen hübsches und unternehmungslustiges Mädchen, das schon früh genau wusste, was es wollte. Gerade mal dreijährig, tat sie bei einer Wohnungsbesichtigung unüberhörbar kund, dass es ihr gefallen würde, in ebendieses Bauernhaus mit den vielen Tieren, Kindern und dem grossen Umschwung zu ziehen. Ihre Eltern waren beeindruckt von dieser klaren Willensäusserung und verliessen das Stadtzürcher Seefeldquartier zugunsten eines Lebens auf dem Land. Der Entscheid war goldrichtig, eröffnete er doch der ganzen Familie neue Möglichkeiten. Saras Behinderung beeinträchtigt vor allem ihre Grob- und Feinmotorik. Sie hat Mühe mit der Koordination ihrer Beine und Hände, was ihr das Gehen, Schreiben oder Essen erschwert. Dazu ist sie beim Reden eingeschränkt und kann sich wegen ihrer undeutlichen Aussprache nur schwer verständigen. Kognitiv aber sei sie «voll fit», wie ihre Mutter sagt, «und zwar absolut ihrem Alter entsprechend.» Da sie eine Zusatzausbildung als Kinästhetiktrainerin hat und dadurch spezialisiert ist auf Konzepte zum Erlernen von Bewegungen, war Saras Mutter prädestiniert dazu, ihre kleine Tochter zu begleiten und zu fördern. In den ersten Lebensjahren stürzte Sara immer wieder, weil sie Mühe hatte, ihr Gleichgewicht zu halten. Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen in ihrer Umgebung, die das Mädchen bremsen und vor einem Sturz bewahren wollten, lehrte ihre Mutter sie, so hinzufallen, dass sie sich nicht wehtat. Ihr war es auch ein besonderes Anliegen, dass ihre Tochter lernte, ohne fremde Hilfe zu gehen. Als sie sieben war, fuhr die Familie ins Toggenburg in die Winterferien. Die Eltern fragten sich, wie sich Sara wohl auf Skiern bewegen würde. Die ganze Woche fuhr die Kleine, begleitet von einem Skilehrer, mit riesiger Freude und Stolz die Hänge in Alt St. Johann hinunter. Fortan konnte sie sich auch beim Gehen ohne fremde Hilfe auf den Beinen halten. So erfuhr Sara einen erheblichen Zuwachs an Selbständigkeit. Die verminderte Artikulationsfähigkeit habe Saras Leben bislang am stärksten beeinträchtigt, sagt ihre Mutter. Insbesondere habe sie ihre sozialen Kontakte in Mitleidenschaft gezogen. Erstaunlich sei jedoch, mit welcher Geduld Sara das ausgehalten und welch clevere Strategien sie entwickelt habe, um dieses Defizit auszugleichen. Sara lässt sich durch ihre Behinderung nicht bremsen. Ihre Mutter hat sie früh gelehrt, so hinzufallen, dass es nicht wehtut, statt sie vor einem Sturz bewahren zu wollen. 25 SARA, DAS AUSDRUCKSTALENT 26 Ein Beispiel: Nachdem Sara einen Teil ihrer Schulzeit in regulären Primarschulklassen verbrachte, wo engagierte Lehrkräfte und eine erfahrene Heilpädagogin ihre Integration unterstützten, erlebte sie die Jahre in der Mittelstufe als schwierig. Sie fühlte sich von den anderen Kindern «wie Luft behandelt». Die Buben und Mädchen seien zwar freundlich gewesen, ergänzt ihre Mutter, aber Saras Sprachprobleme hätten sie zwangsläufig isoliert. So drängte das Mädchen darauf, in der Oberstufe in eine Klasse mit anderen Jugendlichen mit einer Behinderung zu kommen. Sie wollte endlich die Rolle der Aussenseiterin loswerden. Das Angebot, das ihr am besten gefiel, war die Schule für gehörlose Kinder in Zürich Wollishofen. Sara sah die Chance, dank der Gebärdensprache, die sie dort lernen würde, endlich gut mit anderen Menschen kommunizieren zu können und auch verstanden zu werden. Ihre Rechnung ging auf, und sie fühlte sich nach langer Zeit wieder richtig wohl. Sara entdeckte während der Mittelstufe auch neue Hobbys. Seither malt sie gern, hört viel Musik, schreibt Liedtexte, interpretiert diese mit Körpersprache und kurvt auf ihrem E-Bike durchs Dorf, wo sie bekannt sei «wie ein bunter Hund», wie sie prustend vor Lachen erzählt. Ihre Mutter seufzt. Das stimme schon, und trotzdem sei es ein grosses Problem für Jugendliche mit einer Körper- und vor allem sprachlichen Behinderung, mit Gleichaltrigen Freundschaften zu knüpfen und zu bewahren. SARA, DAS AUSDRUCKSTALENT 27 SARA, DAS AUSDRUCKSTALENT Als die Mutter realisierte, dass Sara gern vor Publikum auftritt – so genoss sie ihren Auftritt im Dorfzirkus Pfannikids, für den sie eine Integrationsnummer entwickelte und ein Lied interpretierte, das sie mit ihrer Freundin Laura getextet hatte –, kam ihr eine Idee: Vielleicht gab es ja ein entsprechendes Angebot für Jugendliche mit einer Behinderung? Sie googelte und stiess auf die TheaterWerkstatt von Urs Beeler in Zürich, wo jeweils am Samstagnachmittag geprobt wird und jedes Jahr zwei Aufführungen stattfinden. Perfekt, sagte sich die Mutter. Ihre Tochter würde allein mit dem ÖV in die Stadt fahren lernen, andere Jugendliche treffen, und vor allem könnte sie endlich Theater spielen. Sara war hell begeistert. In der ersten Aufführung hatte sie nicht weniger als vier Rollen. Stolz zählt sie auf: «Ich war eine Zugfahrerin, eine Menschenmutter, ein Kätzchen und eine Wasserpflanze.» Als es in einem Feriencamp der reformierten Kirche Gossau, an dem Sara mit ihrem Grossvater, ihrer Mutter und Bekannten teilnahm, einen Liederabend gab, machte sie ebenfalls mit. Eine Musikerin sang eines ihrer Lieblingslieder von Lina – einer Sängerin, für die sie schwärmt – und spielte dazu Klavier. Sara übersetzte diesen Song in Körpersprache: eine pantomimische Darbietung der besonderen Art, die auf grosse Begeisterung stiess. Nach und nach kristallisierte sich ein Berufswunsch heraus: Sara liebäugelt damit, die Aus. bildung zur Praktikerin PrA Schauspielerei, Kommunikation und neue Medien im machTheater zu absolvieren. Ganz sicher ist sie sich allerdings noch nicht. Vielleicht würde sie auch die Arbeit in einem Büro interessieren, erzählt die inzwischen 18-Jährige. In Zusammenarbeit mit dem Gehörlosendorf in Turbenthal bei Winterthur und dem machTheater haben Sara und ihre Familie einen speziellen Ausbildungsplan für sie zusammengestellt. Nach dem Ende ihrer Schulzeit im Sommer 2019 kann sie nun all ihre Wünsche in der Praxis überprüfen. Von Montag bis Mittwoch steht ihr ein geschützter Arbeitsplatz im Bereich Kunsthandwerk im Gehörlosendorf zur Verfügung. Donnerstags absolviert sie am machTheater ein einjähriges Berufsvorbereitungspraktikum. Und am Freitag erarbeitet sich Sara im Homeschooling und in Kursen die Grundlagen der Bürotätigkeit. Im Moment sei noch alles offen, betonen Mutter und Tochter gleichermassen. Was allerdings bereits jetzt feststeht: Saras Theaterleidenschaft ist gross. Fragt man sie, was sie denn an der Schauspielerei so fasziniere, erklärt sie, dass sie gern auf der Bühne stehe und ihre Gefühle vor Publikum zum Ausdruck bringe. Lampenfieber habe sie nur, wenn sie etwas sagen müsse – das Auftreten an sich sei für sie frei von Stress. Dazu verstehe sie sich als Botschafterin für die Sache der Menschen mit Behinderung und deren Integration. Sie möchte die Menschen bewegen. Und das tut sie, wie ihre Mutter bestätigt: «Viele Leute lassen sich stark von ihren Auftritten, ihrer Person und Ausstrahlung berühren und zollen ihr grosses Lob. Das macht macht Sara sehr glücklich.


Das ist Saras Geschichte im hiki_Mutmacherbuch_WEB Einzelseiten.pdf

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